Donnerstag, 20. Oktober 2016

Schuhe ausgezogen

Schuhe weg

Ja, das kommt selten vor: Aber - mich hat’s aus den Schuhen gehauen. Aus meinen feinen urbanen Lifestyle-Tretern. Und da braucht’s schon einiges dazu, denn ich bin aufgeklärt und schaue MTV, und schliesslich bin eine Instant Wikipedia-Intelligenzen und meine die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben.


Laufen wir Kids nicht alle mit wachem Blick durch’s leben? Lesen fleissig die Pendlerzeitung und haben alle möglichen Push-Mails aktiviert, damit uns aber auch gar nichts entgeht? Ha, was Du kannst, kann ich schon lange. Was Du weisst, habe ich gestern schon vergessen! Ich bin der König im Grossstadtdschungel und du Königin im Shoppingtempel. Uns entgeht nichts. Wir können einfach alles und sind zu allem und nichts motiviert. Wir werden gebildet und empowered. Von Kunst halten wir nicht viel, denn Kunst kann jeder. Kunst kommt nämlich von Können und bitte sehr: Wir können schliesslich alles! Gebt mir einen Stift oder eine Dose und ich mache Kunst. Ob’s dir gefällt oder nicht ist deine Sache - Ansichtssache. Begegnet uns nicht auf Schritt und Tritt sogenannte Kunst von irgendwelchen übermotivierten Kids, die frustrierte Destruction mit Kreativität verwechseln? Ha und das nennt sich dann überschwänglich Streetart. Erwischen sollte man die…


Und nun das, ohne Vorwarnung und mit einem ansatzlosen WHAAM! hat’s mich aus den Schuhen gehauen. Mit offenem Mund wandle ich durch die „Alte Zellulose Attisholz“ und komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ich kann nur noch zusammenhangsloses Zeugs brabbeln wie: WOAHH, Krass, Gewaltig, hast Du das gesehen? und das? das ist derb, cool, Waaahnsinn! Wie in Trance erforsche ich die modernden Überreste der Zellulose Attisholz. Ich wandle durch ein riesiges Dinosaurierskelett. In den Gewölben und Gängen der uralten Fabrikbrache, die über Jahre hinweg gefleddert, geschleift und demontiert wurde entstehen wundersame Dinge. Urban Art! Im riesigen Bauch dieses Dinosauriers entsteht Kunst 2, 3 nein 4-Dimensional. Graffitis und Installationen die über ganze Stockwerke reichen. Klein und verletzlich stehe ich davor und WOW! Ich bin sprachlos. Das ist Kunst, das ist Können! Das kommt vom gotischen „kunnen“: können, kennen, verkünden!

Also liebe Kids, Urbancowboys, Shoppingqueens, Rumhänger, Nerds, AHV-Ausweis-Besitzer, Galleristen, Heimatschützer, Hippsters, Sprayers, Verhinderer und Ermöglicher wenn ihr Grosses, Grossartiges sehen wollt, dann besucht den Artcampus in der Zellulose Attisholz. Entdeckt und staunt. Lasst euch inspirieren und kommt nicht mehr aus dem WOAH! heraus.
Übrigens, ich habe mir inzwischen neue Schuhe besorgt. Trittfest, resistent gegen Staub und Pfützen, ideal für Treppen und Tunnel, extra gemacht für mein neues Hobby: Urban Art Exploring!

Öffnungszeiten Finissage Kettenreaktion in der Alten Zellulose Attisholz:
Fr.  28.10.2016 15.00 - 18.30 Uhr
Sa. 29.10.2016 14.00 - 18.30 Uhr
So. 30.10.2016 11.00 - 16.00 Uhr


Urban Art Exploring

Mit einem verzerrten Blick aus meiner kleinen Flasche
Euer Flaschengeist Markus

1 Kommentar:

  1. Es ist eine gespenstische Szenerie auf dem riesigen Areal. Gigantische Bauten die nicht einladen. Plätze in traumhaften Dimensionen ohne irgendeinen Zweck. Tunnel solid abgestützt mit Gleisanschluss. Überall in den Wänden - kreisrunde Löcher mit verschiedenen Massen, die früher mit Röhren die Räume untereinander vielfach vernetzt haben. Auf dem Boden Betonsockel, auf denen früher Motoren und Pumpen platziert waren, die das Material auf dem Weg zur Zellulose kreuz und quer durch das Gelände verfrachtet hat. Absperrungen verhindern, dass man in unwegsames Gelände oder in Gebäude mit ungesicherten Ebenen kommt. Der rote Rundkamin grüsst freundlich und ist von fast überall zu sehen. Der filigrane Säureturm in der Nähe beneidet den Kamin um seine makellose Oberfläche und die Farbe. Als Besucher fühlt man sich nicht besonders willkommen. Umso deutlicher dagegen springen die malerischen Eingriffe ins Auge und fangen den Betrachter ein. Eine ganze Reihe von Räumen durch Treppen und Stege miteinander verbunden zeigen die ganz persönlich gestalteten Botschaften der jungen Kunstschaffenden. Ein Rundgang auf dem Areal, der immer nur einen Bruchteil des gesamten ehemaligen Industrieareals sichtbar macht lässt eine grosse Frage aufkommen - wie wird das hier in 10 bis 15 Jahren aussehen?

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